Ein offener Brief an die Deutsche Bahn AG

Die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet heute über einen Fall, in dem ein Mensch mit Behinderung am frühen Morgen am Heidelberger Hauptbahnhof keine Einstiegshilfe bekommen hat und erhebliche Schwierigkeiten hatte, seine Reise mit dem gebuchten Zug anzutreten. In diesem Artikel kommt auch ein Sprecher der Deutschen Bahn AG zu Wort, der die Einstiegshilfe als Zusatzleistung bezeichnet, von der man nicht erwarten könne, dass sie rund um die Uhr zur Verfügung stehe. Bei einer solchen Aussage regt sich bei mir Widerstand, da hier die Rechte von Menschen mit Behinderungen in unserer Stadt tangiert sind. Ich sah mich daher veranlasst, einen offenen Brief an die Deutsche Bahn AG zu schreiben, den ich an dieser Stelle auch veröffentlichen möchte:

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute berichtet die Rhein-Neckar-Zeitung über einen Fall, in dem ein Mensch mit Behinderung am frühen Morgen am Heidelberger Hauptbahnhof keine Einstiegshilfe bekommen hat und erhebliche Schwierigkeiten hatte, seine Reise mit dem gebuchten Zug anzutreten (s. http://www.rnz.de//heidelberg/00_20140620060000_110699545-Bahn-Service-Rollstuhlfahrern-hilft-fruehmorge.html).

Ich stimme Ihnen zu, dass der Betroffene in diesem Fall einen Fehler gemacht hat, weil er nicht zunächst den Mobilitätsservice kontaktiert und dann ein Ticket gekauft hat. Da ich selbst Rollstuhlfahrer bin, weiß ich um die Probleme, die dann entstehen können.

Äußerst kritisch sehe ich jedoch die Aussagen Ihres Sprechers zu diesem Vorfall. Zitat:

„Die Bahn antwortet auf RNZ-Anfrage pragmatisch: „Der Mobilitätsservice steht nicht rund um die Uhr zur Verfügung“, so ein Bahn-Sprecher. Das müsste ja erst einmal jemand bezahlen – „ökonomische Zwänge“ seien das. Und schließlich handle es sich bei dem Mobilitätsservice um eine Zusatzleistung zur Reise, da könne man nicht erwarten, dass die rund um die Uhr zur Verfügung stehe, so der Sprecher.“

Ich sage es ganz offen: Ich bin empört über diese Aussage und stimme Michaela Schadeck vom Beirat von Menschen mit Behinderungen zu, wenn sie sagt: „Es kann heutzutage nicht sein, dass die Ein- und Ausstiegshilfe nur in einem begrenzten zeitlichen Rahmen zur Verfügung steht. Im Sinne der Gleichbehandlung müssen auch mobilitätseingeschränkte Personen jederzeit die Bahn nutzen können, wie auch die Fahrgäste ohne Behinderung.“

Ich sehe in der Aussage Ihres Sprechers keine Pragmatik, sondern ein grundlegend falsches Verständnis der Rechte von Menschen mit Behinderungen im Bahnverkehr. Denn Mobilität ist gemäß der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein Menschenrecht. Deutschland hat diese Konvention ratifiziert und ist somit zu ihrer Umsetzung verpflichtet. Diese Umsetzungspflicht bezieht sich auch auf Unternehmen. Ich sehe Sie hier besonders in der Pflicht, weil die Deutsche Bahn nach wie vor ein Quasi-Monopol im Schienenverkehr hat. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung Ihres Unternehmens, die uneingeschränkte Mobilität von Menschen mit Behinderungen im deutschen Schienenverkehr zumindest in Zukunft sicherzustellen.

Ich bin mir aus eigenen Erfahrungen heraus der Tatsache bewusst, dass das nicht von heute auf morgen geht und dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon vieles verbessert hat. Dennoch muss es ein Ziel der Deutschen Bahn sein und bleiben, allen Menschen uneingeschränkte Mobilität zu ermöglichen, was natürlich auch zeitlich uneingeschränkt bedeutet. In diesem Sinne ist die Stellungnahme Ihres Sprechers, der Mobilitätsservice sei eine „Zusatzleistung“ der Bahn, von der man nicht erwarten könne, dass sie rund um die Uhr zur Verfügung stehe, ein verheerendes Signal für die Gleichstellung und Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Schienenverkehr.

Sehr geehrte Damen und Herren, als designierter Stadtrat, der die Menschen in Heidelberg in den nächsten fünf Jahren vertreten möchte und dem als Rollstuhlfahrer die Belange von Menschen mit Behinderungen in unserer Stadt besonders am Herzen liegen, möchte ich Sie um eine Stellungnahme zu dieser Aussage Ihres Sprechers bitten. Denn auch wenn ich als Kommunalpolitiker nicht direkt für Ihr Unternehmen zuständig bin, so sehe ich es doch als Aufgabe der Kommunalpolitik an, die Mobilität in Heidelberg – insbesondere auch als beliebte Touristen- und Universitätsstadt – für alle Menschen optimal zu gewährleisten. Und dazu gehören auch Fernreisen von und nach Heidelberg. Daher möchte ich Sie abschließend zu einem Dialog einladen, wie hier vor Ort die Ein- und Ausstiegshilfe für Menschen mit Behinderungen an den Heidelberger Bahnhöfen optimiert werden kann.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und verbleibe

mit freundlichen Grüßen,

Alexander Schestag, designierter Stadtrat der Stadt Heidelberg

Kopie: Vorstand des Beirats von Menschen mit Behinderungen,
Rhein-Neckarzeitung

Update vom 23. 6. 2014: Derzeit versucht man mich damit abzuspeisen, den Brief an den Kundendialog weiterzuleiten. Ich bin begeistert. Aber ich bleibe dran!

Ok, laut Aussage der Bahn kann der Kundendialog den Brief an den Vorstand weiterleiten. Ich bin gespannt, ob das passiert.

Darüber hinaus kann der offene Brief nun auch unterzeichnet werden. Wer das möchte, kann hier kommentieren oder mir eine Nachricht schicken.

5 Kommentare

  1. 1
    Heike Blomeier

    In der heutigen Zeit ist es mir unverständlich, dass über Selbstverständlichkeiten noch gesprochen werden muss.
    Die DB wirbt doch mit Kundenservice, wo fängt der dann an? Nur bei Nichtbehinderten?
    Der Sprecher der DB sollte sich doch mal eine Woche mit dem Rollstuhl fortbewegen, wie dann wohl seine Antwort ausgefallen wäre.
    .

    • Leider ist das an vielen Bahnhöfen noch ein Problem. Selbst Hamburg hat keinen 24-Stunden-Service.

  2. 2

    Nunja, wie die Bahn Menschen mit Behinderungen, insbesondere Rollstuhlfahrer, sieht, erkennt man ja auch am „internen Sprachgebrauch“, den wir schon kennenlernen durften: Der Rollstuhlfahrer steigt eben nicht um, sondern „wird umgeladen“. Auch ist es immer noch relativ üblich, erstmal (falls vorhanden) die/eine Begleitperson auf die Belange des Rollstuhlfahrers anzusprechen statt ihn selbst.

    Bei dieser Art von „Wertschätzung“ wundert mich es dann nicht, daß man die Einstiegshilfe als „Zusatzleistung“ und damit Kostenfaktor ansieht.

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